"Einander im Blick"

Tage der Begegnung im Pastoralverbund Kamen-Kaiserau

“Solange wir die Liebe ins uns tragen, ist Gott bei uns!” Bewegt und bewegend spricht Julia Cortez, eine junge Brasilianerin, die zur Zeit die Frauenfazenda in Riewend (bei Berlin) leitet, von ihrer Entdeckung, dass Gott einen jeden Menschen unendlich liebt. Knapp 100 Gäste sind am 06. Mai abends ins Pfarrheim Heilige Familie gekommen und sie erleben einen  bunten Erfahrungsreigen  - von Jutta Loke, Soest, moderiert - unter dem Thema “europa im blick”. Julia erzählt als Brasilianerin, wie sie das “alte Europa” erlebt und wie sie das Evangelium, dass jeder unendlich geliebt ist, gerade unter Menschen, deren Lebensgeschichte zerbrochen ist, weitergeben kann.

Vor ihr hatte schon Prof. Dr. Simo Marsic aus Sarajevo zu seinen europäischen Erfahrungen “aus der Wunde Europas” heraus gesprochen. Sein Heimatdorf war während des jüngsten Balkankrieges in den 90ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dem Erdboden gleich gemacht worden. Junge Leute aus Deutschland waren gekommen und hatten u.a. auch das Haus seiner Eltern wieder aufgebaut. “Mein Vater” - so erzählt der junge Priester aus Bosnien - “ist dadurch verwandelt worden. Vorher war er immer sehr in sich gekehrt und hatte seine Sachen alleine gemacht. Nachdem alles zerstört war und er nicht wusste, wie es weiter gehen sollte, machte er die Erfahrung, dass andere - Fremde - kamen, um ihm zu helfen. Das hat sein Herz so sehr berührt, dass auch er seinen Blick geweitet hat. Er hat begonnen, sich nun auch für andere einzusetzen!”

Umrahmt wurden all diese Erfahrungen von Geigenimprovisationen von Frey Deiting aus Dortmund, die es verstand, die europäische Dimension des Abends musikalisch zum Klingen zu bringen. Für Christina Kuhn, eine junge Sozialpädagogin aus Osnabrück, ist Europa mittlerweile zu ihrem Horizont geworden. Stellvertretend für viele junge Leute, die durch den bosnischen Friedensweg “Hände für den Frieden - dem Frieden Hände geben” ermutigt wurden, ein Jahr ihres Lebens in einem anderen Land zu verbringen, erzählte sie von ihrem “Abenteuer Sarajevo”. “Ich weiß noch, wie ich nach dem Begegnungscamp im Sommer des Jahres 2003 vor dem Kindergarten stand, in dem wir während des Camps mit den Jugendlichen aus den verschiedenen Ländern gelebt hatten. Alle fuhren wieder nach Hause. Nur ich blieb allein zurück. Ich hatte mich ja entschieden, für ein Jahr nach Sarajevo zu gehen, ganz allein! Mir rutschte das Herz in die Hose und ich habe geweint! Aber ich wusste: Ich habe diesen Weg im festen Vertrauen auf Gott gewählt und ER hat irgendetwas vor. Also mußte ich mich diesem Weg stellen... Heute bin ich so froh, dass ich das gemacht habe. Der Balkan ist zu einem Teil meiner Geschichte geworden. Ich habe nicht nur Kroatisch gelernt, sondern auch die Menschen dieses Teils Europas sehr schätzen gelernt. Sie sind ein Teil von mir geworden.”

Als der moderierte Abend nach über 2 Stunden zu Ende geht, klopft es an die Tür des Saals. Zwei weitere Bosnierinnen - eigens aus Sarajevo angereist - stehen vor der Tür: Nikolina  und Danijela. Die beiden hatten sich in Kamen verirrt. Aber das Motto geht sofort weiter: “Einander im Blick!” Sie bleiben noch einige Stunden und sind sofort in einem lebendigen Austausch mit jungen Leuten aus unserer Stadt. Sie erzählen - allerdings nur noch im kleinen Kreis - was es für sie bedeutet hat, ein FSJ in Deutschland gemacht zu haben und wie sie sich als junge Europäerinnen fühlen. “Die Liebe” - so höre ich Nikolina, die Journalismus in Sarajevo studiert, sagen - “die ich durch das gelebte Evangelium kennen gelernt habe, kennt einfach keine Grenzen. Sie lädt uns immer ein, ALLE zu lieben. Das habe ich gelernt und dadurch haben sich mir unendlich viele Möglichkeiten aufgetan. Und diesem Lebensstil will ich weiter treu bleiben!”

Nachdenklich kehre ich abends mit einigen Gästen nach Hause zurück. Alle zu lieben ist der Auftrag, der sich aus der Liebe ergibt, steht mir vor Augen. Denn die Liebe ist wie eine Quelle, die einfach sprudelt und sich nicht beschränken kann. Wer liebt, liebt immer und alle. Und so - das verstehe ich in dieser Nacht neu - baut Gott seine Kirche um und erneuert sie. Es ist eine Kirche, die sich nicht mehr angstvoll um sich selber sorgt und trauernd und bedauernd in die Vergangenheit schaut, sondern die sich liebend verschenkt an alle, die sie brauchen. Und gerade darin macht Gott sie neu und findet sie sich neu.

Einen Tag später, am 07. Mai, haben wir abends von 18-24 Uhr “die Welt im blick”. Vor dem Mausegatt, den Asylantenwohnungen unserer Stadt, feiern wir ein Fest der Begegnung. Die Stadt Kamen hatte bei allen Vorbereitungen großherzig und unterstützend geholfen. Über 30 Frauen hatten sich bereit erklärt, einen Salat beizusteuern. Die Fazenda da Esperanza aus Berlin hatte 500 Würstchen, 200 Steaks geliefert und dazu kamen von einem Moscheeverein noch koscheres Grillfleisch. Mädchen und Jungen der Fazenda von Mörmter bei Xanten und Riewend bei Berlin vollzogen den Grilldienst. Sie waren ständig umlagert und wurden nach ihren Erfahrungen befragt. Das DRK hatte Zelte zur Verfügung gestellt und die Feuerwehr eines Stadtteils einen Toilettenwagen. Mancher hatte seinen konkreten Beitrag geleistet.

Unter einem kleinen Zelt spielte der Methleraner Lese-Clown mit Kinder und Jugendlichen. Bunt bemalt liefen sie bei dem nasskalten Wetter über den Platz und freuten sich über all die Buntheit und das an diesem Abend vor ihrem Haus sich abspielende quirlige Leben. Am Ende des Abends - so erzählte mir der Clown - fragte ein Kind: “Wann kommt ihr denn wieder? Bei uns hier ist es immer so langweilig und so traurig! Und heute Abend war es gar nicht langweilig und auch nicht traurig!”

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Über 60 Menschen aus den Asylantenwohnungen standen zunächst nur am Rand des Geschehens. Sie kommen aus aller Herren Länder und mußten ihre Heimat oft unter dramatischen Bedingungen verlassen. Nun leben sie bei uns - an den Rand gedrängt, fremd und heimatlos, in unsicherem Bleibestatus, meist nur geduldet. Im Verlauf des Abends geht mancher auf sie zu und kommt ins Gespräch. Eine junge Frau - von weither angereist - fragt: “Wo ist denn die Familie von Ali, der doch dringend dieses Cochlea-Implantat braucht, um hören zu lernen?” Ich bringe sie mit Frau Derwisch zusammen. Später sehe ich sie zu dritt um einen Tisch sitzen und diskutieren, lachend und sich in den Arm nehmend. Syrien und Deutschland sind sich begegnet. In der Nähe des Grills steht ein Kurde. Er erzählt von seiner Geschichte. Drei deutsche Männer stehen bei ihm. Ich sehe, wie sie immer nur die Köpfe schütteln. Auch sie erleben, welches Leid dieser Mann mit sich bringt und wie allein er hier unter uns gelebt hat und lebt. Auch sie haben einander in Blick genommen.

Eine Frau ist von Kindern umringt. Sie kommt Woche für Woche in die Wohnungen am Mausegatt, hilft bei den Schularbeiten und spielt mit den Kindern. Sie strahlt und ruft mir schmunzelnd zu: “Das sind alles meine Kinder!” Sie hat die Kleinen in den Blick genommen und das große Wort Hoffnung für diese Kinder  greifbar gemacht.

An diesem Abend sind sich über 300 Menschen begegnet - über Grenzen hinweg. Sie haben einander “in Blick genommen”. Als wir den Getränkewagen kurz vor Mitternacht abschließen, steht noch ein älterer Mann aus dem Irak vor einem der Häuser. “Dieses Fest”, so sagt er, “war ein Geschenk für uns. Heute Abend haben wir einfach feiern können, ohne Angst! Sonst schauen viele immer nur weg, wenn sie uns sehen. Heute Abend haben wir uns angeschaut!” Mit einer Träne im Auge verschwindet er im Haus.

Am 08. Mai - samstags - sind junge Leute im Gemeindezentrum.” Teens4unity” nennen sie sich. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, kleinere Aktionen zu starten, die ein Miteinander, eben Einheit - unity - unter Menschen erfahrbar machen. Auch sie waren am Vorabend beim Fest. Nun überlegen sie, wie sie in der ersten Herbstferienwoche 2010 im Rahmen der Aktion “local heroes” all die Ideen, die ihnen in den Sinn gekommen sind, in Kamen umsetzen können. Sie sind begeistert von dem bunten Leben, das sie am Vorabend erlebt haben. “Das sind doch echte Brücken zwischen Menschen, die so entstehen!” sagt ein 14-jähriger. Sein Kumpel bemerkt: “Vielleicht ist es genau das. Wir müssen Brücken bauen als ‘local heroes’. Wie wär’s mit einer echten Holzbrücke in der Fußgängerzone in Kamen, über die Leute gehen können, um sich bewusst zu werden, dass auch sie ‘Brückenmenschen’ sein können?”

Am 09. Mai nachmittags ist quirliges Leben in die Kirche Heilige Familie eingekehrt. Dieses Mal heißt es, einen kleinen kurdischen Jungen, eben einen “einzelnen in blick” zu nehmen, für den eine Ohren-OP bedeuten kann, dass er hören lernen kann. Der ökumenische Gospelchor aus Rietberg hat sich die Not dieses Kindes und seiner Familie unter die Haut gehen lassen und bringt sein Credo “Thank you” um 17 Uhr zur Aufführung. Fast 100 Sängerinnen und Sänger stehen vor dem Altar der Kirche und bringen Lobgesänge für Gott zum Klingen. In der ersten Reihe sitzt Familie Derwisch mit dem kleinen Ali. Mitten in der Vorstellung erhebt sich Frau Derwisch - sie war in Syrien Lehrerin und hatte eine angesehene Stellung und ist nur nach Deutschland gekommen, um ihren drei tauben Kindern größere Fördermöglichkeiten zu ermöglichen. Sie sagt in gut verständlichem Deutsch DANKE all denen, die gekommen sind, um ihr und ihrer Familie zu helfen. Ich schaue in viele Gesichter, die in diesem Augenblick zutiefst angerührt sind. Über 2700 € kommen an diesem Nachmittag für die anstehende OP zusammen, u.a. auch von einer Firmgruppe, die eigens aus Marsberg angereist ist und durch Waffelbackaktionen vor einem Baumarkt über 600 € mitgebracht hat. Es ist wirklich ein Credo, was wir miterleben dürfen. Die Liebe zu den Schwachen unserer Stadt wird Gesang und berührt die Herzen der Menschen und bestimmt auch das Herz Gottes, der uns hat verstehen lassen: “Was für einen der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!”

Einander im Blick. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, treten mir viele Menschen wieder vor Augen, die sich in diesen Mai-Tagen in Blick genommen und kennen gelernt haben. Wie viel Leben ist durch all diese Blicke in Bewegung gekommen! Und in all diesen Blicken spiegelt sich für mich der Blick eines Gottes wieder, der - ausgegrenzt und damit zur Grenze geworden - sich ans Kreuz hat schlagen lassen, um alle Grenzen der Welt ein für allemal zu überwinden. Und vom Kreuz nimmt er seinen Liebslingsjünger Johannes und seine Mutter in Blick und vertraut sie einander an! Der Blick der Liebe - im Leid einander sich begegnend - lässt Orte wachsen, die wahrhaft Leben ermöglichen, ein Leben, in dem schon heute Ewigkeit anbricht!

Meinolf Wacker