Anerkennung der Fazenda da Esperanca vom Laienrat in Rom

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H.Stapel und Papst Benedikt

 Im Herzen der Kirche angekommen 

“Seid Botschafter der Hoffnung! Und bringt das Charisma der Hoffnung bis an die Enden der Erde!” Es sind bewegende Augenblicke, die wir an diesem Pfingstmontag 2010 in Rom miterleben dürfen. Die “Familie der Hoffnung” - gewachsen aus der Fazenda da Esperanca - hat sich in Italien versammelt, um eine Wallfahrt zu den heiligen Stätten Rom, Loppiano und Assisi zu machen. Fast 300 Menschen aus der ganzen Welt, die mit der Familie der Hoffnung verwoben sind, haben ihren Weg hier nach Rom gefunden. Bei den neun Philippinos, die mit von der Partie  sind, war es bis zum letzten Augenblick unsicher, ob sie eine Einreisegenehmigung bekommen würden oder nicht. Und jetzt sind wir alle versammelt in der Ewigen Stadt. Frei Hans Stapel - dem Gründer der Fazenda da Esperanca - war es ein echtes Herzensanliegen, mit dem Charisma der Hoffnung, das ihm und seinen Mitgründern von Gott anvertraut worden ist, nach Rom ins Herz der Kirche zu kommen. Es drängte ihn, all das Leben, das in den vergangenen Jahren entstanden ist, der Kirche zurück zu schenken und Gott Danke zu sagen für das Geschenk dieses Charismas.
Wir erleben historische Tage. Am Ende der Approbationsfeierlichkeiten am Pfingstmontag 2010, denen Kardinal Rylko im Laienrat des Vatikan vorsteht, wendet er sich an den neben ihm sitzenden Erzbischof Josef Klemens und sagt: “Erzbischof Klemens wird besonders froh sein über diesen heutigen Tag! Denn er stammt auch aus dem Erzbistum Paderborn. Frei Hans hat dieses Bistum, in dem er aufgewachsen ist, vor fast 40 Jahren verlassen und ist Gott gefolgt. Und heute kommt er mit seinen Jüngerinnen und Jüngern wieder auf unseren Kontinent, um unseren Völkern das Charisma der Hoffnung zu bringen!” Bewegende Augenblicke. In den Augen vieler der 50 an diesem Akt teilnehmenden Personen sind Tränen der Rührung zu sehen.

Vom ersten Augenblick an herrschte eine Atmosphäre ausgesprochen herzlicher Brüderlichkeit. Kardinal Rylko verlässt nach wenigen Sätzen das Protokoll des Treffens und lässt seinem Herzen freien Lauf. Er spricht von einer Fortführung des Pfingstfestes, die er erlebt und betont immer wieder, dass es die Kraft des Heiligen Geistes ist, die all das, was wir erleben, möglich gemacht hat. Er dankt Bischof Bernardino Marchiò aus Brasilien, dass dieser ihn vor einigen Jahren bei seinem Besuch in Aparecida gedrängt habe, die Fazenda zu besuchen. Selten habe er als Mann der Kirche Orte vorgefunden, wo das gelebte Evangelium eine solche Hoffnung entberge und greifbar mache, wie er es in Guaratingeta erlebt habe. Er ist richtig gerührt.

Es ist wirklich pfingstlich. Denn in diesem kleinen Saal des Laienrates mitten im Herzen von Rom sind nicht nur Mitglieder der Fazenda da Esperanca versammelt, sondern ebenfalls andere Gründer aus Brasilien: Padre Jonas, der Gründer von canzoa nova und Moises, der Gründer von Shalom. Als Kardinal Rylko Frei Hans am Ende der Zeremonie die Statuten in gebundener Form übergibt - in den Monaten zuvor hatten viele fieberhaft an diesen Statuten gearbeitet, um das Leben der Fazenda darin abzubilden - habe ich den Eindruck: Das Charisma der Hoffnung ist im Herzen der Kirche angekommen.

Als wir uns wenige Augenblicke später in einem naheliegenden Restaurant mit all den fast 300 Pilgern treffen, empfängt ein tosender Applaus Frei Hans, Nelson Giovanelli, Lucilene Rosendo und Iraci da Silva Leite und die anderen Mitglieder des Werkes. Die Freude über all das, was Gott hat wachsen lassen und die Freude über die, die in Jahren der Treue diesem Werk die Chance gegeben haben, in der Kirche für die Welt zu reifen, bündelt sich in diesen Augenblicken. Es sind echte Augenblicke der Gnade.

Nachmittags feiern wir in St. Paul vor den Mauern eine Dankmesse. Am Ende geben fast 25 Mitglieder der Familie der Hoffnung ihre ewigen Versprechen ab: Ehepaare, ältere Leute, ein Priester, Jugendliche... In ihnen allen ist der Entschluss gereift, für diese Familie der Hoffnung mit dem ganzen Leben auf Lebenszeit einzustehen. Wiederum bewegende Augenblicke! - Meine Gedanken beginnen zu wandern: Wir sind in St. Paul vor den Mauern. Ja, vor den Mauern begann alles: Jesus wurde in Bethlehem - am Ende der Welt, ganz weit draußen - geboren. Er starb auf Golgotha - draußen vor den Mauern Jerusalems, auf einer Müllkippe. Paulus kam auch “von draußen” und es trieb ihn in die Weite bis an die Enden der Erde. Und jetzt: Wiederum stehen hier Leute “von draußen”. Sie haben vielfach durch die Droge die Erfahrung gemacht, alles verloren zu haben und ganz unter die Räder geraten zu sein. Auf der Fazenda ist ihnen die Erfahrung geschenkt worden, dass sie in all dem von Gott unendlich geliebt sind. So wurde ihr Scheitern zur Gottesbegegnung. Und nun brechen sie auf, um diese ihre Entdeckung für viele fruchtbar zu machen, die auch draußen sind und die von Gott genauso geliebt sind, ohne es zu wissen.

Was für ein Werk Gottes! Am Pfingstdienstag feiern wir Gottesdienst im Petersdom, direkt unter dem Fenster des Heiligen Geistes und dem Altar mit der Kathedra Petri. In großer Einfachheit und Geschwisterlichkeit sind wir am Grab des heiligen Petrus versammelt. Der Tagestext deutet die gesamte Situation. “Du weißt” - so wird gelesen - “wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?” Die Antwort Jesu reißt einen weltweiten Horizont auf. Er verspricht schon auf Erden: Fülle - wenn auch unter Verfolgungen und in der neuen Welt das ewige Leben.

Ja, was ist alles aus dem Verlassen von Frei Hans gewachsen. Gerda, seine Schwester, hatte mir am Vortrag noch erzählt: “Ich erinnere mich noch gut. Das ist so ungefähr 39 Jahre her. Wir fuhren alle nach Rotterdam, um Hans zum Hafen zu bringen, von wo aus er dann nach Brasilien ging. Paul, sein Bruder, Mechthild, unsere Eltern und ich - eben die ganze Familie. Wir fuhren in einem alten VW-Bulli. Wir hatten die Mittelbank ausgebaut, dort fand die große Überseekiste von Hans Platz. Dann galt es, ihn zu verabschieden und wir fuhren zurück. Es war richtig leer. Nicht nur, dass die große Kiste nicht mehr im Bulli war. Nein, auch Hans war gegangen...”

Und jetzt kam er zurück, von Gott mit dem Charisma der Hoffnung beschenkt, um dem alten Europa durch dieses Charisma Hoffnung zu schenken. Und alles, ja alles war gewachsen aus dem radikal gelebten Evangelium. “Warum habt ihr meine Worte denn nicht gelebt? Ich hab euch das doch alles schon gesagt! Ihr wusstet es doch schon! So wird uns Jesus am Ende unseres Lebens sagen!”

Beim abendlichen Essen tauschen wir mit einigen Gedanken zur Situation der deutschen Kirche aus. Wir kommen auf so manches Konzept zu sprechen, von der sich so mancher in der Kirche Orientierung und neues Leben erhofft. - Aber auf den Fazendas, so wende ich ein, gibt es zunächst mal kein Konzept oder vielleicht besser: Das einzige Konzept ist es, das Evangelium kennen und vor allem leben zu lernen - Wort für Wort und Augenblick für Augenblick. Es ist allein die Liebe, die hier “gelehrt” und “gelernt” wird. Und sie ist es, die den einzelnen neu werden lässt und mit Gott in Berührung bringt. Und so sind es dann diese “neuen Menschen”, die der Papst bei seinem Besuch in Guaratingeta - am Pfingstmontag dieses Jahres vor genau drei Jahren - als “Botschafter der Hoffnung” bezeichnet hat. Wann -so frage ich m ich - werden wir das lernen? Wann werden wir verstehen, dass es nicht in erster Linie die Strukturen, sondern die neu gewordenen Menschen sind, durch die Gott seine Kirche erneuert? Wann werden wir mehr Kraft und Zeit (und Geld) in Menschen investieren, die Worte Jesu als Quelle des Lebens entdecken zu lernen, als in Strukturen?

Das Charisma der Hoffnung ist im Herzen der Kirche angekommen! Welch ein Geschenk! Diese Hoffnung scheint mir in dieser Zeit, die von so viel Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet ist, wie ein kostbarer Edelstein. Es ist die Hoffnung, die Jesus selber ist, der - in der Mitte der Seinen versammelt - Familie stiftet. Es ist eine Familie, die keinen ausschließt, sondern die im Gegenteil jeden empfängt und in ihrer Mitte zu Hause sein lässt.

Diese neue Familie, die wir in diesen Tagen so konkret leben und erleben, erscheint als die “Fassung”, die den Edelstein “Jesus - die Hoffnung”  birgt. So verwundert es nicht, dass sich die Mitglieder dieser Familie der Hoffnung in ihren gerade approbierten Statuten dazu verpflichten, nichts zu tun - sei es persönlich oder gemeinschaftlich - was nicht zuvor “in der Familie” im Licht von Jesus in der Mitte gemeinsam bedacht worden ist.

Als ich nach drei Tagen leider schon wieder zurückfliegen muss und die Wallfahrer damit zurück lassen muss, kommt mir Franziskus in den Sinn. Er war mit seinen Minderbrüdern auch nach Rom gekommen und hatte seine Regel dem Papst vorgelegt. So war Franziskus - wenn auch unter Verfolgungen - zum Erneurer der Kirche geworden. Hier nun kam die Familie der Hoffnung, entstanden aus der Begegnung des Charismas der Einheit und der Armut, nach Rom - mit offenem Herzen empfangen. Aus der tiefen Begegnung im Schoß der Kirche wurden sie ausgesandt in die Welt als “Botschafter der Hoffnung”, einer Hoffnung, die hier auf der Erde greifbar wird und sich im Himmel vollenden wird.

Ja, ich kann nicht anders als zu sagen: In diesen Pfingsttagen hat in Rom der  Himmel neu die Erde berührt. Er hat sich geöffnet - für die Augen derer, die - vom Evangelium erleuchtet - zu sehen gelernt haben. Möge die Familie der Hoffnung auf der ganzen Welt für immer mehr Menschen  Ort und Netzwerk sein, wo sie die Gegenwart Gottes berühren und sich von ihr verwandeln lassen.

Meinolf Wacker

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