Hand in Hand für den Frieden

Armbänder bMenschenkette rund um Kamen

Es ist noch früh. 01. Juli - 7 Uhr morgens. Es regnet. Heute ist der Tag der Menschenkette rund um Kamen. Über fünf Monate haben wir für diesen Tag gearbeitet. 330 Gruppen, Vereine, Verbände, Parteien, Schulen und Kindergärten und viele Einzelpersonen waren eingeladen, an dem Zeichen für den Frieden teilzunehmen.

Für jede der 40-Meter-Etappen auf der 2,2 Kilometer langen Strecke rund um Kamen hatten wir zumindest eine Gruppierung gefunden. Und jetzt: Dauerregen. Über die Onword_App erreicht mich das Motto: „Don’t give up!“ und auf Onword_24 heißt es: „Vertrauen bewegt!“ Uns bleibt nur, den Augenblick zu leben, voller Vertrauen und Hoffnung.

Mit Jugendlichen stehen wir vormittags 4 Stunden in der Einkaufszone Kamens und laden noch viele Passanten ein, sich in die abendliche Menschenkette einzureihen. Einige sind sehr interessiert, andere abweisend. „Don’t give up!“ Drei Kinder – gebürtig aus dem Kosovo – kommen und helfen uns voller Begeisterung, die Werbeflyer zu verteilen. Ihr Elan reißt uns mit.

Nachmittags ist Aufbau für das abendliche Fest angesagt, Bühne, Musikanlage, Biertisch-Garnituren… Mitglieder des Pfarrgemeinderates und einige Flüchtlinge geben ihr Bestes. Es regnet weiter. Die aus dem Sauerland eingeladene Band Capo 13 trifft ein. Zumindest für sie haben wir auf der Bühne ein trockenes Plätzchen mit großen Kunststoffplanen ermöglicht. Wir glauben und vertrauen weiter, denn es gilt: Vertrauen bewegt!

Es ist 19 Uhr – in einer Stunde wird die Menschenkette gestellt. Der Himmel reißt auf. Die Sonne bricht hervor. Der Regen hört auf. Voller Erstaunen starren viele zum Himmel. Im Pfarrzentrum treffen wir uns mit 50 Firmbewerbern und 35 Ordnern.  Nach der Gruppenverteilung und Armband-Verteilung spreche ich das Gebet der Vereinten Nationen. Darin heißt es: „Unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Frucht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung!“ Dafür wollen wir einstehen an diesem Abend und immer neu. Die kleinen Orga-Gruppen ziehen los, um ihren Dienst an der Menschenkette zu tun. 19.30 Uhr. Die ersten Menschentrauben treffen am Streckenverlauf ein. Westenmauer, Nordenmauer, Ostenmauer, Klosterstraße, Schwesterngang, Bollwerk und Weststrasse. Von der Ostenmauer kommt ein Anruf: „Hier sind noch ganz wenige!“ Wir schicken kleine Gruppen vom Schwesterngang an die Ostenmauer.

Ich stehe in der Nähe der katholischen Kirche. Mehr und mehr Menschen sind auf einmal da. Sie beginnen einander die Hände zu reichen. Dort wo’s zu wenige sind, werden Schirme als „Armverlängerer“ eingesetzt. Überall reden Menschen miteinander. Viele kennen sich nicht, haben sich aber für die Kette in Bewegung bringen lassen. Ich sehe eine junge afghanische Familie mit ihrem Säugling. „Hello father Meinolf; wir wollten auf jeden Fall dabei sein!“ Ein junger Mann aus Ghana, der uns beim Vorbereiten geholfen hatte, steht mit seinem strahlenden Lächeln zwischen zwei älteren Frauen. Die beiden haben sich von der Lebensfreude des Afrikaners anstecken lassen. „Schauen Sie“, sagt mir ein älterer Mann, „hier sind so viele Leute gekommen, dieses Mal schaffen wir es, die Kette um Kamen zu schließen!“ Auf einmal spüre ich bei vielen eine große Zuversicht.

Die Glocken beginnen zu läuten. Es ist 20 Uhr. Wir fassen einander an den Händen. So weit mein Auge sehen kann, ist die Kette geschlossen. Ich schließe die Augen. Vor meinem inneren Blick tauchen viele Gesichter auf – bunt aus aller Welt. Ich spüre, wofür wir gemacht sind: Menschheits-Familie gilt es zu sein – mit allen, die uns begegnen. Intensive Augenblicke. Im Schweigen bergen wir unsere Stadt und stehen Miteinander für sie ein. Als das Glockengeläut endet, brandet Beifall um die ganze Stadt.

Rechts neben mir hatte eine ältere Dame mit Rollator gestanden. In ihren Augen sehe ich Tränen. „Was für ein starker Augenblick!“ sagt sie. „Ja, Frieden, das ist unser Ziel. Und heute bei der Beerdigung von Helmut Kohl waren seine beiden Söhne nicht zu sehen. Wir müssen doch Frieden zu Lebzeiten machen!“ fügt sie hinzu. Meine linke Hand hatte ich in die Hand eines 80-jährigen Persers gelegt. Er hatte mich nach der Kette voller Freude - ohne ein Wort zu sagen - angeschaut. Sein abschließender Händedruck sagte mehr als viele Worte.

Die Ordner kehrten ins Gemeindezentrum zurück um „Lagebericht“ zu geben. Am Ende war klar, es waren fast 2000 Menschen gekommen und hatten die Kette bis auf wenige Stellen schließen können. Unsere Schätzung: Von den 2,2 Kilometern hatten wir ca. 1900 Meter geschafft. Und: Es war trocken geblieben. Vertrauen hatte bewegt.

Draußen vor der Kirche standen 600 – 700 Menschen in froher und friedvoller Atmosphäre zusammen. Mariam aus Afghanistan ließ uns verstehen:  „Diese Augenblicke der Kette – Hand in Hand – haben mich emotional sehr angerührt! Ich bin so dankbar, dass ich Teil von diesem Großen sein konnte!“ Ein junger Mann aus Persien: „Gänsehaut pur! Fremde Hände in meiner Hand und ich spürte: Die gehören zu mir!“  Ein junger Student aus Hannover: „Ich hab noch nie so etwas erlebt. Irgendwie hab ich verstanden: Als Menschen gehören wir zusammen!“ Ein Ehepaar mittleren Alters gesellt sich zu mir: „Wissen Sie, wir hatten von Ihnen gehört, dass Ihr Team versucht hat, ganz viele Leute zusammen zu trommeln. Da wir zu Hause eine Trommel haben, haben wir uns vor unser Haus gesetzt, auf einen kleinen Tisch Kaffee und Plätzchen gestellt und dann haben wir begonnen zu trommeln. Immer mehr Menschen sind gekommen und  haben bei der Menschenkette mitgemacht!“  Ein junger Polizist ließ uns wissen: „Ich hab jetzt gleich Dienst! Aber ich bin noch schnell gekommen, denn als Polizisten sind wir ja auch für ein friedliches Miteinander da. Dieses gelebte Zeichen des Friedens zu erleben, tut so gut!“ – Ein älterer Mann kam strahlend mit einem zweiten älteren Mann auf mich zu: „Die Menschenkette hat sich mehr als gelohnt. Wir sind quasi Nachbarn. Aber wir kannten uns noch nicht. Wir sind uns in der Menschenkette begegnet. Das „Hand in Hand“ war für uns ein echter Brückenschlag!“

Um 23 Uhr beenden wir das Fest. Um Mitternacht  ist alles aufgeräumt. Im Team stehen wir noch kurz zusammen – unter dem Sternenhimmel. Der Mond lässt sein warmes Licht auf uns fallen. Was für ein Geschenk, dass dieser Tag so gelungen ist. „Wenn man Frieden will – so hatte es  Yitzhak Rabin gesagt – muss man immer derjenige sein, der zuerst die Hand reicht!“ Heute hatten viele Menschen einander die Hand gereicht. Im Dunkel dieser Zeit, die von so vielen Kriegen geprägt ist, waren die gereichten Hände und die vielen Begegnungen wie Sterne, die erst im Dunkel sichtbar werden. 

gez. Meinolf Wacker