Sommercamp 2010

Sommercamp- Tag 5, Donnerstag, 29.07.

 

Badezimmer
Das Badezimmer
Inzwischen zähle ich nicht mehr, wie oft ich nach dem gerade aktuellen Wochentag gefragt habe; es müssen unzählige Male sein. Denn schon nach eigentlich kurzer Zeit habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Und auch die Tage rasen hier nur so dahin; so schockt es mich irgendwie, dass unser vierter Arbeitstag heute schon vergangen ist.

Nachdem meine Gruppe die ersten drei Tage ein Jugendzentrum renoviert hat, ging es heute das zweite Mal in eine Wohnung etwas außerhalb von Vogošća. Dort wohnt ein Mann mit drei seiner Kinder in sehr ärmlichen Verhältnissen in einer kleinen Wohnung. Das Badezimmer war für uns sehr schockierend: Die hintere Wand ist nicht bis zur Decke geschlossen und der Sicherungskasten hängt in unmittelbarer Nähe; eine richtige Toilette oder ein Mobiliar gibt es nicht.

Aus der anfänglichen Zurückhaltung der Kinder wurde schnell Einsatzbereitschaft und Offenheit. So saßen wir in der Pause auf dem Sofa, schlürften Kaffee und tauschten uns mit Händen und Füßen über unser Leben aus. Da gibt es natürlich große Unterschiede zwischen uns; sogar sehr große. Aber die Freude, wenn wir uns z.B. verstanden hatten, ein Wort in kroatischer Sprache einem in der deutschen Sprache glich, oder wenn der Kabelkanal der Stichsäge beim Zurechtschneiden endlich nachgab, war bei allen gleich. Oft habe ich versucht, „den andern beim Guten zu erwischen“ (unser heutiges Motto), was mir auch gelungen ist. Wie schon gestern duften wir uns an einer Cola erfrischen: etwas sehr besonderes, denn dieses Getränk muss für die Familie unerschwinglich sein. Auch, dass der Vater auf einmal zwei Eis für uns brachte, hat mich sehr bewegt.

Als das Kabel zur neuen Lampe endlich hing, riss auf einmal mein Armband. Die Tochter überlegte nicht lang, sprang auf, nahm eine Angelrute aus der Ecke, schnitt ein Stück der Schnur ab und fädelte die Perlen des Armbandes neu auf. In diesem Moment habe ich in ihr „das Gute erwischt“; zwar ist das Band später wieder gerissen, aber es war eine Situation, die uns sehr bewegt hat.

Diese kleinen Dinge und Momente sind es, die uns helfen weiterzumachen und uns auf einen nächsten Tag in einer eigentlich nicht menschenwürdigen Wohnung zu freuen.